Die Narzissmusfalle

Die Narzissmusfalle von Reinhard Haller

Narzissmus gehört zur Standardausstattung jeder Führungsetage

Die Narzissmusfalle: Buchvorstellung mit Blick auf Narzissmus im Management

Univ.-Prof. Prim. Dr. med. Reinhard Haller ist Psychiater und Psychotherapeut. Als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas wird er immer wieder mit der Begutachtung in großen Kriminalfällen betraut. Seine Analysen von psychischen Störungen und spektakulären Verbrechen sind international sehr geschätzt. Viele seiner brisanten Praxisbeispiele lässt er in sein Buch „Die Narzissmusfalle“ einfließen.

„Der Narzissmus ist nichts Schlechtes, dass möchte ich gern vorwegnehmen. Wir alle brauchen ihn zur Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls, zum guten Durchsetzungsvermögen und zu guter sozialer Kompetenz, aber …“

(Reinhard Haller in seinem Vortrag zum Buch „Die Narzissmusfalle“.)

Die drei Kernfragen des Buches

In seinem Buch „Die Narzissmussfalle – Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis“ vermittelt der sympathische Autor auf eine leicht verständliche Weise die Vielschichtigkeit narzisstischer Verhaltensweisen. Mit einer Prise Selbstironie lehrt er uns, dass Narzissmus auch vor Narzissmus-Experten und Berufskollegen keinen Halt macht. Über theoretisches Wissen im Umgang mit Kränkungen zu verfügen, heißt noch lange nicht sie bei Betroffenheit der eigenen Person auch bewältigen zu können. Der blinde Fleck der eigenen Verletzlichkeit bleibt (vgl.: S.19). Aufschlussreich und menschlich verzichtet er auf anklagende Töne. Im Kern beantwortet er in seinem Buch die drei zentralen Fragen die auf die Persönlichkeit und Handlungsfähigkeit des Einzelnen zielen: Wie erkennt man einen Narzissten, was sind ihre Motive und wie kann man sich vor ihnen schützen?

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Die narzisstische Gesellschaft

Im weitesten Sinne ist sein Werk auch ein Zeichen der Zeitdiagnostik. Beschreibt er doch anhand der Erkenntnisse von Studien zweier amerikanischer Psychologen, Jean M. Twenge und W. Keith Campell, die alarmierende Zunahme des Narzissmus hin zu einer narzisstischen Gesellschaft. Die zur kollektiven Besessenheit gesteigerte Ich-Zentrierung habe ein destruktives Maß erreicht, sodass gar Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und Glaube an die Gestaltungskraft von Politik und Institutionen weitgehend verschwunden sind (vgl.: S.157-158). Der Narzissmus steht an der Schwelle von der problematischen und krankhaften Störung zur geltenden Lebensauffassung. Der Narzissmus wird gesellschaftsfähig (vgl.: S. 24) so der Autor in seinem Buch „Die Narzissmusfalle“.

Zum Vortrag von Reinhard Haller zu seinem Buch „Die Narzissmussfalle“

Narzissmus als Chance oder Hindernis im Beruf

Auf die Vor- und Nachteile von Führungskräften mit starken narzisstischen Tendenzen bin ich bereits in meinem Artikel „Narzissmus im Management“ eingegangen. Laut Reinhard Haller hat es jedoch selbst Wirtschaftswissenschaftler bei der Auswertung ihrer Studien in Erstaunen versetzt, dass verschiedene Persönlichkeitseigenschaften bei Führungskräften und großen Verbrechern in ähnlicher Weise zu finden sind. Gerhard Dammann, ein deutsch-schweizerischer Psychiater und Narzissmusforscher, nennt oberflächlichen Charme, übersteigertes Selbstwertgefühl, Selbstüberschätzung, suchtartiges Arbeitsverhalten, Simulationsbedürfnis und Reizhunger, manipulative Fähigkeiten, Mangel an Schuldgefühlen, oberflächliche Gefühle und geringe Bindungsfähigkeit, Fehlen von Empathie, Risikoverweigerung, Verweigerung der Verantwortung für eigenes Verhalten, große innere Flexibilität und zum Teil charismatische Eigenschaften als Faktoren, die eine Karriere in Wirtschaftsunternehmen zunächst begünstigen. Selbstverliebte Menschen werden leichter als natürliche Führer akzeptiert, zumindest kurzfristig, während langfristig Beziehungskonflikte und destruktives Verhalten überwiegen (vgl.: S.149-150).

Allerdings darf man den charismatischen Manager nicht mit dem narzisstischen verwechseln. Der Charismatiker vermag dank seiner Selbstsicherheit, seiner Zielstrebigkeit, seiner starken Überzeugungskraft und seiner Visionen Mitarbeiter enorm zu motivieren. Es geht ihm nicht wie dem Narzissten um die Entwertung, Erniedrigung und Ausnützung der Untergebenen, sondern um deren Überzeugung. Mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes mitreißenden Art motiviert und begeistert er alle. Der Charismatiker wird positiv verstärken, der Narzisst häufig negativ. So schlägt typischerweise die anfängliche Begeisterungsfähigkeit mit der Zeit in demotivierendes Verhalten um. Der Narzisst kann seine Vorwurfs-, Anspruchs- und Beschuldigungshaltung und seine Tendenz, andere zu entwerten, nicht mehr verbergen. Die Mitarbeiter grenzen sich ab, distanzieren sich, verlassen den Betrieb oder rufen zum offenen Kampf auf (vgl.: S.153-154).

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Resümee „Die Narzissmusfalle“

Wer Verallgemeinerungen und einfache Antworten auf Fragen sucht, wird bei Reinhard Haller nicht fündig. Derart komplexe psychische Phänomene wie der Narzissmus können nie auf ein bis zwei Ursachen zurückgeführt werden, sondern allenfalls mit fördernden Umständen, mit psychosozialen Bereitschaften und mit erhöhter Anfälligkeit in Verbindung. (vgl.: S. 158).

Wollen wir mit narzisstischen Menschen zurechtkommen, ist es unabdingbar, Übertragungen und Gegenübertragungen zu erfassen, unsere möglicherweise komplementäre Rolle zu reflektieren und sich von der Atmosphäre des Narzissten zumindest emotional zu distanzieren. Dies werden wir nur erreichen, wenn wir den ganzen Bogen der narzisstischen Störungen, von Glanz bis Elend reichend, kennen (vgl.: S.27).

Um die Verschiebung der individuellen und gesellschaftlichen Koordinaten hin zu einem selbstsüchtigen, rücksichtslosen und kalten Lebensstil geht also es in diesem Buch. In den zahlreichen Beispielen über narzisstische Situationen und Personen soll der Leser sich und seine Mitmenschen erkennen können, ganz wie beim Blick in den Spiegel: wirklich, nicht verzerrend, nicht beschönigend und nichts entstellend, sondern klar, nicht verschleiern. Als neutraler Beobachter und unbestechlicher Beschreiber soll das Buch dem Leser selbst ein Spiegel sein (vgl.: S.14).

Meinen Erfahrungen nach verändern sich Führungskräfte massiv mit zunehmenden Machtgewinn. Vielfach sehr zum Leidwesen ihrer Partner, Kinder und Mitarbeiter. Aus vertrauensvollen Gesprächen weiß ich, dass sie sich vielfach beim Blick in den Spiegel selbst nicht mehr mögen. „Die Narzissmusfalle“ von Reinhard Haller ist insofern Pflichtlektüre für jeden gegenwärtigen und zukünftige Manager.

Herzlichst, Ihre Andrea von Graszouw