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Konflikte durch Unverbindlichkeit

Konflikte durch Unverbindlichkeit – Die neue Massenplage

Verbindlichkeit – was war das gleich noch mal? Unverbindlichkeit avanciert zur Massenplage.

rawpixel Konflikte durch Unverbindlichkeit belasten zunehmend zwischenmenschliche Beziehungen. Unverbindlichkeit ist zu einer Massenplage geworden. Anstatt einer verbindlichen Zusage gibt es häufig nur ein „JEIN“. Darüber hinaus wird sich immer seltener an Zusagen gehalten. Spontane Absagen sind heutzutage fast die Norm und torpedieren die Planungen und Wünsche anderer Menschen. Dieses Phänomen wird sowohl in beruflichen als auch in persönlichen Zusammenhängen immer häufiger beklagt und bietet reichlich Zündstoff für Konflikte.

 

Das Bedürfnis nach Klarheit und Verbindlichkeit

Um mich mithilfe von Marshall B. Rosenberg auszudrücken, gibt es einerseits Menschen, die mit einem starken Bedürfnis nach Klarheit und Verbindlichkeit ausgestattet sind. Damit sie im Trubel des Alltags bestehen und nicht in die Überforderung kommen, ist für sie ein gewisses Maß an Berechenbarkeit und Verbindlichkeit unerlässlich. Zudem sind sie so konditioniert, dass sie damit Respekt und Wertschätzung verbinden. Werden zum Beispiel Verabredungen spontan abgesagt, führt das bei den Betroffenen zu persönlichen Enttäuschungen und Kränkungen.

 

Das Bedürfnis nach Freiheit

Andererseits gibt es Menschen, die einen starken Wunsch nach Freiheit, Spontaneität und Unabhängigkeit verspüren. Sie richten ihr Leben an diesen Bedürfnissen aus.

Prallen nun Menschen mit diesen unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander, sind Konflikte vorprogrammiert.

 

Heute so – morgen so

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Bedürfnisse in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation verändern und vermischen können.

So wurde mir zum Beispiel von einer Klientin berichtet, dass ihr Partner in beruflicher Hinsicht zu 100 Prozent verbindliches Verhalten an den Tag legt. In privaten Zusammenhängen ist er jedoch in keiner Weise verbindlich. Regelmäßig gibt es deshalb Streit in der Beziehung.

Das hat Verwunderung in mir ausgelöst. Ich wollte es genauer wissen und habe nachgefragt. Die Antwort war für mich nachvollziehbar. Der berufliche Alltag erfordert vom Partner meiner Klientin absolute Verbindlichkeit. Aus diesem Grund verspürt er den Wunsch, sich zumindest in seiner Freizeit flexibel bewegen zu können. Der Partner meiner Klienten erfüllt sich durch sein Verhalten so zumindest zu einem kleinen Teil seinen Wunsch nach persönlicher Freiheit.

 

Soziale Schmerzen

In der Praxis erlebe ich, dass eine spontane Absage bei den Betroffenen häufig Wut, Enttäuschung oder fühlbar körperliche Schmerzen auslöst. Warum das den Betroffenen mitunter so zu schaffen macht haben Neurowissenschaftler herausgefunden: Durch Zurückweisung und Ablehnung wird unser Gehirn an der gleichen Stelle aktiviert wie bei Erkrankungen oder körperlichen Verletzungen. Diese Stelle bezeichnen die Wissenschaftler als das Schmerzzentrum. Für unser Schmerzzentrum im Gehirn macht es zunächst keinen Unterschied, ob wir einen eine tatsächliche körperliche Verletzung haben oder von einem Menschen verlassen oder ignoriert werden. Wenn Ablehnung, Zurückweisung oder ignoriert werden also wehtut, nennt man das neurowissenschaftlich „soziale Schmerzen“. Im Umgang mit der Unverbindlichkeit erlebe ich oft Hilflosigkeit und Kränkung. Die Betroffenen entwickeln entsprechend ihrem eigenen Konfliktverhalten unterschiedliche Strategien, mit dieser Ablehnung umzugehen. Nicht selten entsteht im gegenseitigen Umgang eine ungesunde Dynamik, die schädlich ist und am Ende die Beziehung der Menschen gefährdet.

 

Übergreifender Mangel an Verbindlichkeit

Um neue und interessante Aspekte für diesen Artikel aufzugreifen habe ich recherchiert. Es lässt sich feststellen, dass der Mangel an Verbindlichkeit übergreifend beklagt wird. Doch bisher habe ich keine Anregungen gefunden, die sich damit beschäftigen wie wir es schaffen können, das Ruder wieder herumzureißen. Wenn die ganze Gesellschaft stöhnt, warum ändern wir dann nichts? Schließlich hat jeder Einzelne von uns die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.

 

Reden hilft

Mit konsequenter Regelmäßigkeit erlebe ich, dass sich im Freundes- und Kollegenkreis eine Person über das Unverbindlichkeitsverhalten einer anderen Person furchtbar aufregt. Inzwischen arbeite ich mit einer Standardfrage: „Und, hast du es ihm/ihr gesagt, dass es dich ärgert und verletzt?“ In 90 % der Fälle ist die Antwort „Nein“. Es gibt also eine große Aufregung die mit anderen Menschen geteilt wird. Die Betroffenen sind jedoch nicht in der Lage, die betreffende Person persönlich anzusprechen. Insofern gibt es einen wahren Nährboden für verdeckte Konflikte durch Unverbindlichkeit.

 

Mut zur Veränderung – Konflikte durch Unverbindlichkeit reduzieren

Wenn Sie, liebe Leser, für mehr Verbindlichkeit sorgen möchten, dann handeln Sie:

Ihnen wird abgesagt und es gefällt Ihnen nicht? Reden Sie! Äußern Sie deutlich wie es Ihnen damit geht, und machen Sie Ihren Standpunkt klar.

Sie haben es mit Wiederholungstätern zu tun? Verzichten Sie auf Textnachrichten, rufen Sie an. Im Idealfall schafft das mehr Verbindlichkeit.

Ändert sich nichts und Sie leiden darunter? Ziehen Sie den Stecker und konzentrieren Sie sich auf Menschen mit einem ähnlichen Bedürfnis.

 

Und wenn Sie, liebe Leser, sich mehr Freiheit in Ihrem Leben wünschen, dann handeln Sie und fangen Sie an, Ihre Bedürfnisse auszudrücken, damit sich Ihr Gegenüber darauf einstellen kann.

Sagen Sie lieber „NEIN“ anstatt „JEIN“. Überlegen Sie sich etwas genauer, was Ihnen wirklich wichtig ist. Sollte tatsächlich etwas dazwischenkommen, dann bieten Sie kurzfristig eine Alternative an. Mit einer Alternative lässt es sich besser leben, als im Regen stehen gelassen zu werden.

Sie stehen kurz davor abzusagen? Schlüpfen Sie für einen Moment in die Schuhe Ihres Gegenübers und überlegen Sie sich, was Sie sich in der Situation wünschen würden und handeln Sie danach.

 

Abschließend wünsche Ihnen viel Verbindlichkeit im Leben oder auch mehr Freiheit, ganz so wie es zu Ihnen und Ihren Bedürfnissen passt. Bleiben wir gemeinsam achtsam! Herzlichst, Andrea von Graszouw

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