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Kündigungstrauma

Das Kündigungstrauma als Folge einer Kündigung

Über die seelischen Verletzungen bei würdelosen Trennungen

„Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich nicht in der ersten Begegnung, sondern in der letzten“ (Verfasser unbekannt).

Eine Trennung, so sanft sie auch vollzogen wird, ist in der Regel für mindestens eine Seite schmerzhaft. Die seelischen Verletzungen bei Kündigungen im Beruf sind vielfach genauso verheerend wie bei der Beendigung einer privaten Beziehung. Wird eine Trennung mit Respekt und Wertschätzung vollzogen, haben beide Parteien die Möglichkeit, ohne tief greifende seelische Verletzungen weiterzuleben. Würdelose Trennungen hingegen, hinterlassen unter Umständen nicht nur verbrannte Erde, sondern schwerwiegende Traumata, sowohl bei den Betroffenen als auch im näheren Umfeld. Diejenigen, die für die Kündigungen in den Unternehmen verantwortlich sind, sind sich der Tragweite ihres Handelns selten bewusst. Ihnen ist nicht klar, dass sie bei ihren ehemaligen Beschäftigen ein Kündigungstrauma auslösen können.

Achtsame Trennungen von Mitarbeitern werden immer seltener

Achtsame Trennungen von Mitarbeitern gibt es immer seltener. Was ursprünglich Managern und Vorständen auf oberster Führungsebene vorbehalten war, trifft inzwischen immer mehr „normale“ Mitarbeiter und Angestellte in Unternehmen und Organisationen. Mitarbeiter verschwinden oftmals von einem auf den anderen Moment von der Bildfläche und das ungeachtet der vorherrschenden rechtlichen Rahmenbedingungen. Spezialisierte Rechtsanwälte unterstützen Arbeitgeber dahingehend, das Kündigungsschutzgesetz bestmöglich zu umgehen.

In einem Überraschungsmoment, das meist lange im Vorwege geplant ist, erfolgt die Kündigung in einem knappen Kündigungsgespräch. Unter Aufsicht dürfen die unter Schock stehenden Mitarbeiter noch schnell ihre persönlichen Sachen zusammenpacken und werden im Anschluss wie Schwerverbrecher vor die Tür geführt. Die meisten von ihnen haben sich nie ernsthaft etwas zuschulden kommen lassen. Um Unruhe in der Belegschaft zu verhindern, werden Kontakt und eine Verabschiedung von ihren Kollegen gezielt unterbunden. Auf diese Weise verhindern insbesondere Führungskräfte mit narzisstischen Persönlichkeitsanteilen unangenehme Konfrontationen. Selbst langjährige Mitarbeiter werden heutzutage per SMS oder in einem Telefonat über ihre Entbehrlichkeit informiert. Die Folge ist dann ein schweres Kündigungstrauma. Der einzelne Manager entzieht sich gern der Verantwortung und begründet sein Handeln mit Plattitüden wie „DAS MACHT MAN SO“.  Schon Offiziere, wie Adolf Eichmann, die vor Gericht für ihre Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zur Verantwortung gezogen wurden, haben sich laut Marshall B. Rosenberg mithilfe der „AMTSPRACHE“ erfolgreich von ihren Gräueltaten distanziert.¹ Durchsichtig und wenig zeitgemäß sind diese Ausflüchte heute.

Das ursprüngliche System „Hire und Fire“ aus Amerika hat in Deutschlands Unternehmen Einzug gehalten. In Amerika ging es jedoch darum, kurzfristige Auftragsspitzen abzudecken. Das Ziel war, sich nicht langfristig an die Mitarbeiter zu binden. Wird dieses System nun in Deutschlands Unternehmen von den Führungskräften missverstanden?

Traumatische Symptome laut Charles Meyer

Kündigungen sind in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. Sie haben unmittelbare und dramatische Auswirkungen auf den Körper und die Seele eines Menschen. Die betroffenen Mitarbeiter erleiden ein Kündigungstrauma mit schweren gesundheitlichen Folgen. Von einem Moment auf dem anderen wird dem Mitarbeiter die existenzielle Grundlage entzogen. Die Folge ist eine lebensbedrohliche Situation. Der Organisationspsychologe Charles Meyer hat die Effekte von Kündigungen wissenschaftlich nachgewiesen. In Zusammenarbeit mit der Universität Hagen hat er eine Studie durchgeführt, die sich mit gekündigten Managern befasst. Die Auswirkungen von Kündigungen hat er in seinem Buch „Die faire Kündigung“2  sehr umfangreich anhand zahlreicher Praxisbeispiele beschrieben:

Die Wirkung der Kündigung auf die Psyche eines Menschen ist: überraschend, lebensbedrohlich, Gegenwehr und Flucht sind nicht möglich, niemand ist da um Hilfe zu leisten und der Betroffene ist komplett ausgeliefert. Aus diesem Grund können sich nach einer Kündigung laut seiner Studie folgende Symptome in Form eines Kündigungstrauma zeigen:

  • Anhaltende Verwirrung
  • Fragmentierte Erinnerung
  • Anhaltender Energiemangel
  • Körperliche Symptome des vegetativen Nervensystems (Probleme im Bereich Magen, Herz, Kreislauf, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen usw.)

Neben diesen Symptomen entwickeln sich psychosomatische und körperliche Erkrankungen bei den Betroffenen. Schwerste gesundheitliche Schäden, wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Menschen unverhofft aus ihrem Leben reißen. Die gravierendsten Folgen eines Kündigungstrauma sind laut Charles Meyer’s Untersuchungen Freitod oder Tod. Die Schuldgefühle werden die Verantwortlichen Zeit ihres Lebens nicht mehr los.

Trennungsschmerz und seine Folgen: Insbesondere bei langjährigen und engagierten Beschäftigten haben sich zu den Menschen im Unternehmen persönliche und freundschaftliche Bindungen aufgebaut. Diese Verbindungen werden durch die Kündigung seitens der Unternehmensführung gekappt. Die spontane Ausgrenzung der Mitarbeiter aus dem System, ohne Anerkennung und Wertschätzung für die geleistete Arbeit und der fehlende Abschied, lösen schweren Trennungsschmerz aus. Charles Meyer stellt fest, dass ein dramatisches und ohne fremde Hilfe nicht zu bewältigendes Trauma aus dem Gefühl des Versagens, der plötzlichen Existenzangst gepaart mit dem starken Trennungsschmerz bei einigen Betroffenen in den Suizid führt.

Wie human ist der HR-Bereich wirklich?

In ihrem Buch „Mit dem Fußtritt aus der Chefetage: Gekündigte Spitzenmanager berichten“3 beschäftigt sich die Autorin Gabriele Euchner mit Managern, die über ihren eigenen, schmerzhaften Weg nach der Kündigung in sehr persönlichen Interviews berichten. Ihre Kündigungsgeschichten spiegeln „Eine Wegwerfgesellschaft, die inzwischen auch die Menschen einschließt“. Schnell stellt sich anhand der tragischen Beispiele die Frage, wie human der Bereich „Human Resources“ wirklich ist. Selbst in Unternehmen mit schönsten Unternehmensleitbildern und schillernden Nachhaltigkeitsberichten laufen hinter der Fassade Trennungsprozesse ab, die Menschlichkeit, Respekt und Achtung völlig außer Acht lassen, wie folgendes Beispiel deutlich macht: „Thomas, der von seiner Kollegin an einem Donnerstagabend erfuhr, dass seine Kündigung für Montagmorgen im offenen, d.h. allen im Unternehmen zugänglichen Online-Terminkalender der Vorgesetzten bereits determiniert war.“

Wünschenswert wäre ein menschlicher Umgang im Unternehmen

Fakt ist: Mitarbeiter und Führungskräfte waren bis zu ihrem Ausscheiden Teil des Systems und haben mitunter viele Jahre durch ihr persönliches Engagement zum Unternehmenserfolg beigetragen. Vor diesem Hintergrund besteht keine Notwendigkeit Menschen mutwillig durch eine Kündigung in eine persönliche und wirtschaftliche Krise zu stürzen. Kündigungen gehören zum Unternehmensalltag dazu, das steht außer Frage. Doch auch kündigen will gelernt sein. Demnach sind Führungseigenschaften wie eine empathische Einfühlung und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel erforderlich, um Kündigungsprozesse menschlich vertretbar zu gestalten. Der Appell, der von Gabriele Euchner’s Buch ausgeht, ist an die verantwortlichen Führungskräfte gerichtet: Sie müssen sich den Folgen ihrer Entscheidungen stärker bewusst werden und sich ihrer Verantwortung als Mensch stellen.

Kuendigungstrauma
Kündigungstrauma

 

Buchempfehlungen

Die Autoren Gabriele Euchner und Charles Meyer haben in ihren Büchern anhand zahlreicher Praxisbeispiele sowohl Hilfestellungen für Betroffene zusammengetragen, als auch viele verständliche Handlungsempfehlungen für Entscheider verfasst. Wer sich als Betroffener und/oder Führungskraft tiefer und detaillierter mit den Auswirkungen von Kündigungen beschäftigen möchte, kann sich anhand dieser wertvollen Lektüre weiterbilden.

Als Betroffener werden Sie feststellen, dass Sie nicht allein sind mit Ihrer Situation. Nach dem Studium der Bücher wird es Ihnen möglich sein, Ihre psychischen und körperlichen Symptome besser einzuordnen, denn der Begriff des Kündigungstrauma ist bislang wenig bekannt. Oftmals sitzt der Schmerz so tief, dass professionelle Hilfe erforderlich ist. Scheuen Sie sich nicht, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hilfe in einer Krisensituation anzunehmen, ist schon lange keine Schwäche mehr, sondern eine Stärke. In dieser Lebensphase geht es darum, das traumatische Ereignis bestmöglich zu verarbeiten, um sich dann gestärkt und mit neuer Zuversicht einer neuen Aufgabe zu widmen. Wieviel Zeit dieser Prozess in Anspruch nimmt, hängt von der individuellen psychischen und körperlichen Konstitution des Einzelnen ab.

Als Führungskraft wird Ihnen das Ausmaß Ihres Tuns und die menschliche Tragweite, die unter Umständen in einem Kündigungstrauma münden kann, bewusst werden. Sie bekommen Tipps und Anregungen, um ab jetzt Kündigungsprozesse entsprechend dem humanistischen Grundgedanken würdevoll zu gestalten. Trennungsprozesse fair und transparent durchzuführen, ist eine der Kernkompetenzen, die Stakeholder und Gremien von Ihnen erwarten. In Zeiten der zunehmenden Transparenz durch die neuen Medien tragen Sie schließlich die Verantwortung dafür, das Unternehmen vor negativen Schlagzeilen, Imageverlust und Kursverlusten zu bewahren.

Weitere Informationen

Quelle ¹ Rosenberg, Marshall B. (2011). Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Verlag Herder GmbH. Freiburg am Breisgau.

Quelle Meyer, Charles (2009). Die faire Kündigung. Orell füssli Verlag AG. Zürich.

Quelle Euchner, Gabriele (2013) Mit dem Fußtritt aus der Chefetage. Haufe-Lexware GmbH & Co. KG. Freiburg.

Fotonachweis: Abigail Keenan